Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club Ortsgruppe Coesfeld

Revierverhalten führt zu Aggression

Unfallforscher Siegfried Brockmann von der Björn Steiger Stiftung hat mit dem ADFC über aggressives Verhalten im Straßenverkehr, Sanktionen und soziale Kontrolle gesprochen.

Das Foto zeigt Unfallforscher Siegfried Brockmann.
Unfallforscher Siegfried Brockmann von der Björn Steiger Stiftung hat mit dem ADFC über aggressives Verhalten im Straßenverkehr gesprochen. © Bjoern Steiger Stiftung

Warum reagieren manche Menschen aggressiv, wenn ihnen im Straßenverkehr jemand „in die Quere“ kommt?
Bei manchen Dingen sind wir tatsächlich auf dem Niveau der Steinzeitmenschen stehengeblieben und neigen dazu, im Straßenverkehr unser „Revier“ zu verteidigen. Auf der Autobahn liegt idealerweise – wenn kein Stau ist – erst mal ein freies Stück Fahrbahn vor einem Autofahrer; das ist der sogenannte Fahrschlauch. Fährt er dort z. B. 150 km/h, so hält er die nächsten 300 Meter für „sein Revier“. Wechselt nun jemand mit einer geringeren Geschwindigkeit auf diese Spur, kann das als Revierverletzung empfunden werden. Wäre die Geschwindigkeit niedriger, wäre auch der Fahrschlauch kleiner. Das heißt: Auf der Autobahn hätten geringere Geschwindigkeiten durchaus einen Effekt auf die Aggression, weil das, was jemand für eine Revierverletzung hält, seltener vorkommt.
 

Wie ist das im Stadtverkehr?
In der Stadt ist das anders, da bilden sich in der Regel gar keine Fahrschläuche, weil es dort extrem selten ist, dass niemand den eigenen Weg kreuzt. Aber das „Revier“ bleibt auch hier ein zentraler Begriff, denn Menschen nehmen den gesamten Verkehrsraum als Teil ihres „Reviers“ wahr – umso intensiver, je individueller sie sich fühlen und verhalten.

Ist man mit 20 km/h auf dem Hochbordradweg unterwegs, wird ständig etwas zum Bremsen zwingen und möglicherweise als Eingriff in das „eigene Revier“ empfunden. Wir haben zwar in einer „Kulturleistung“ gelernt, damit umzugehen – allerdings mit Grenzen: Irgendwann ist das „Aggressionsgefäß“ womöglich voll. 

Sechs oder sieben „Revierverletzungen“ sind auf einem Weg von fünf Kilometern in der Stadt praktisch nichts. Die hat man in zehn Minuten zusammen: Da ist ein Fußgängerüberweg, an dem ich anhalten muss, dort wird eine Ampel rot, dann schleppt sich vielleicht ein Senior nur sehr langsam über die Fahrbahn oder ich kann einen Radfahrer auf dem schmalen Radweg nicht überholen – um mal bei Radfahrern untereinander zu bleiben. 

Und dann ist ein Radfahrer natürlich auch nicht a priori ein besserer Mensch, sondern er ist ebenfalls ein Mensch auf „Steinzeitniveau mit Kulturleistung“. Das „Revierverhalten“ ist ein wichtiger Punkt, der zu Aggression führt, ebenso der Glaube vieler, sie könnten ihren eigenen Willen auch im Straßenverkehr umsetzen. Aber das funktioniert einfach nicht! 

Müsste es mehr Kontrollen geben, um das Einhalten der Regeln durchzusetzen?
Natürlich könnten mehr Kontrollen helfen – es ist aber unrealistisch, weil die dafür zuständigen Polizeikräfte schon jetzt überlastet sind. Deshalb ist es in der Realität so, dass sehr viele Verkehrsdelikte unentdeckt bleiben. Doch für die meisten groben Verstöße sind etwa zehn bis 15 Prozent aller Verkehrsteilnehmer verantwortlich. Das stellt auch die Polizei immer wieder fest: Fährt sie hinter einem auffälligen Fahrer her, verzeichnet sie innerhalb von fünf Kilometern nicht selten mehrere schwere Verstöße. Es sind also relativ wenige Menschen, die die meisten Schwierigkeiten machen. Im Umkehrschluss heißt das: Sehr viele Menschen fahren ordentlicher, als wir denken.

Sollten die Bußgelder erhöht werden?
Werden Bußgelder stark erhöht, kann es zur sozialen Schieflage kommen. Je teurer es wird, desto stärker klafft die Schere auseinander: Der eine müsste dafür einen Wochenlohn hergeben, ein anderer könnte es aus der Portokasse zahlen. Bußgelder an Einkommen zu koppeln, klingt zwar theoretisch gut, aber auch das würde in der Praxis nicht funktionieren. Schon jetzt ist es so, dass in einem Strafverfahren wegen eines Verkehrsdeliktes der Verdienst beim Festsetzen der Tagessätze berücksichtigt wird. Dafür muss mit viel Aufwand eine Verdienstermittlung durchgeführt werden. Bei weniger schwerwiegenden Delikten wäre das allein vom Personalaufwand her nicht umzusetzen, denn wir reden hier von Massenverfahren.

Was schlagen Sie stattdessen vor?
Punkte im Verkehrszentralregister in Flensburg sorgen für soziale Gerechtigkeit, weil sie alle gleichermaßen treffen. Statt das Bußgeld noch mal signifikant zu erhöhen, sollte bei der Bepunktung deutlich nachgelegt werden, sodass man viel schneller die Fahrerlaubnis verliert. Justieren wir bei den Punkten stärker nach, haben wir den großen Vorteil, dass viel mehr von den Menschen erwischt werden, die wir auch tatsächlich adressieren wollen – und nicht die, die aus Versehen mal zu schnell sind oder eine rote Ampel überfahren. 

Für alle Delikte, die über den Bußgeldkatalog geahndet werden, gibt es nur eine Führerscheinsperre und eine Bepunktung. Für die allermeisten Verstöße gibt es einen Punkt, in seltenen Fällen sind es zwei und noch seltener drei. Es gibt nur einige sehr grobe Delikte, die bei einer Verurteilung sofort zum Führerscheinentzug führen. Aktuell muss man acht Punkte „sammeln“, um die Fahrerlaubnis zu verlieren. Bedenkt man, wie gering die Wahrscheinlichkeit ist, bei einem Verkehrsdelikt erwischt zu werden, wird klar: Acht Punkte muss man erst mal zusammenfahren – das macht man nicht aus Versehen. Deswegen mein Vorschlag: Das Punktesystem noch mal drastisch überarbeiten, denn dann trifft es die sogenannten Grobmissachter.

Aber was ist mit all denen, die zwar keine „Grobmissachter“ sind, die andere aber trotzdem durch regelwidriges Verhalten im Verkehr gefährden?
Die soziale Kontrolle ist im Grunde genommen das stärkste Schwert, das wir haben – in dieser Frage ist sich auch die Psychologie einig. Wie das wirken kann, zeigt das Beispiel Alkohol am Steuer: In meiner Jugend, Ende der 1970er-Jahre, war es keine Frage, dass man etwas trinkt, selbst wenn man gefahren ist. Dann hieß es allenfalls, ich darf nicht so viel trinken. Das ist bei den jungen Leuten heute anders: Da fährt jemand, der mit Sicherheit nichts getrunken hat. Bei den Alkoholdelikten erleben wir eine richtige Wende – zumindest bei den Autofahrern sind sie deutlich seltener geworden. Da hat sich tatsächlich durch die Veränderung der sozialen Normen viel getan. Problematisch ist aber, dass soziale Kontrolle nur dann stattfindet, wenn andere sie auch bemerken.

Ich halte es in manchen Fällen schon für meine soziale Verantwortung, gefährliches Verhalten mitzuteilen. In unserer Anwohnerstraße zum Beispiel gilt Tempo 30. Und da heizen die Eltern morgens mit dem Auto durch, um ihre Kinder am anderen Ende der Straße zur Kita oder zur Grundschule zu bringen. Wahrscheinlich ist es etwas spät geworden und die paar Minuten sollen dann in dieser 30er-Zone rausgeholt werden. Wenn ich die Möglichkeit habe, führe ich mit denen ein Gespräch und sage: „Leute, ihr habt selbst kleine Kinder im Auto. Und andere Kinder laufen hier alleine zur Grundschule. Das kann doch nicht wahr sein, dass Sie hier so schnell fahren!“ Ich habe aber noch niemals Eltern erlebt, die mir Recht gegeben haben. Allerdings muss man natürlich gut überlegen, wann man was sagt, den Situationen im Verkehr können übel eskalieren. Im Zweifel sollte man sich besser zurückhalten.


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